Donnerstag, 23. Februar 2017

Zugangsbeschränkungen

Liebe alle, die letzten Tage ging es ja in den sozialen Netzwerken aufgrund der Einführung von Zugangsbeschränkungen durch die große Koalition hin und her. Von “Scheiß Akademikerkind” über Shitstorms und Valentinsgrüße bis hin zu einer Holocaustverharmlosung haben es sich Opposition, Exekutive und einige Streitlustige ordentlich gegeben. So sehr, dass sogar einige Printmedien ihren Senf dazu abgaben.
Nun, wir versuchen mal einige Punkte sachlich und nicht aus dem Kontext gerissen auszuführen und zu begründen, warum wir gegen Zugangsbeschränkungen sind. Wir erlauben uns dabei, Einiges abzukürzen, und verweisen auf die vielen klugen Sachen, die dazu gesagt worden sind - eure Studienvertretung muss ja nicht das Rad neu erfinden.

“Die FHs mit Zugangsbeschränkungen haben doch aber eine bessere Durchmischung!”
Es ist beschämend, dass dieser Einwand in der Debatte immer wieder auftaucht. Von studentischer Seite wird er mit Beharrlichkeit von Aktionsgemeinschaft und (zuletzt besonders eifrig) den Junos vertreten. Zwischen den Zeilen klingt dabei oft blanker Zynismus durch: Zugangsbeschränkungen stünden sozialer Durchmischung nicht nur nicht im Wege, sondern seien womöglich als ihre Voraussetzung zu verstehen.  Sogar Helmut Holzinger, Präsident der Fachhochschulenkonferenz, relativiert dieses Argument [1]: FHs sind in Österreich besser verteilt als Unis (ein Umzug kostet viel Geld), bieten zudem berufsbegleitende Studien (Einkommen während des Studiums) und hohe Jobgarantien, ziehen dadurch mehr Studierende aus bildungsfernen Familien an.

“Zugangsbeschränkungen sind für sozioökonomisch benachteiligte Schichten kein zwingender Nachteil.”
Natürlich ist so etwas schwierig zu messen. Ein aufschlussreicher Datensatz ist der Aufnahmetest in Medizin [2]: Hier sank der “Anteil der Studierenden, die in erster Generation ihrer Familie eine Hochschule besuchen”, mal schnell um 16 Prozentpunkte, oder anders gesagt (klassisches Zentralmatura-Typ1-Beispiel) um 27 Prozent. Das klingt doch sehr signifikant.
Viel dazu recherchiert hat die AK; Ergebnisse gibt es in ihrere Studie (Lang) hier [9] und in Kurz dort [10]. Ergebnis der Studie: “Deutlich zeigte sich der Anstieg von Akademikerkindern durch die Einführung von Zugangsbeschränkungen auch im Fach Biologie. Dort sind 2005 Zugangsbeschränkungen eingeführt, 2007 dann wieder ausgesetzt worden. Im Jahr der Einführung der Beschränkungen ist der Anteil von Kindern deren Eltern einen Uni-Abschluss haben auf 43 Prozent gestiegen, was ein Plus von rund acht Prozentpunkten bedeutet. Als die Zugangsbeschränkungen wieder ausgesetzt wurden, fiel die Quote wieder auf unter 40 Prozent.”

“Mein Studium ist aber überfüllt.”
Das stimmt. An vielen Fakultäten herrschen bescheidene Umstände. Viel schlimmer noch als die Überfüllung des Begleitseminars zur Schulpraxis was ärgerlich genug ist. Wir fordern die Ausfinanzierung der Hochschule und genügend Plätze für alle. Sich aber zu freuen, wenn weniger Studierende nachrücken, ist letztendlich wie dem Banknachbar am 1. März ins Gesicht zu sagen: “Eigentlich fände ich es besser, wenn du was anderes (oder gar nicht) studieren würdest”. Wir als Studienvertretung und Basisgruppe Roter Vektor Mathematik sind uns sicher, dass die Situation zum Beispiel im Lehramt Mathematik (große Nachfrage, im neuen Modell, demnach viel Geld, demnach mehr Plätze) nicht besser werden würde - glaubt uns, wir haben schon einige “Verbesserungen” erlebt.

“Was ist so schlimm am Test?”
Antworten und Überlegungen zu dieser Frage bilden einen ganzen Berg an Fachbeiträgen. Kurz: Zum einen entwerten Tests die Matura: Warum noch eine Prüfung schreiben, wenn doch gerade eine Prüfung abgelegt wurde? Mathe (Lehramt) ist hier wieder ein passendes Beispiel.
Zudem schrecken bereits Anreise und Teilnahmegebühren nachweislich ab. Und wenn Du dir jetzt denkst: “Für so einen Test kann man doch mal nach Wien fahren; und 50€ Teilnahmegebühr sind doch nichts”, dann Gratulation! Du gehörst wie auch viele von uns zu dem privilegierten Teil der Studierenden und das sollte allen von uns immer bewusst sein. [4]
Damit jedoch nicht genug der Einwände. Fragt der Test etwas anderes als Schulstoff ab, sprießen traditionell die privaten Institute mit ihren kostenpflichtigen Kursen aus dem Boden. Auch hier sind naheliegenderweise wohlhabendere Familien im Vorteil, vgl. [7].
Und mal ganz ehrlich - traust du dir so einen Test überhaupt einhundertprozentig zu? Wie viele von uns hatten Probleme mit “Einführung in das mathematische Arbeiten”/ ”Einführung in die Mathematik”? Natürlich hätte eine Zulassungsprüfung einen geringeren Umfang, aber welchen genau, steht konkret für die angekündigten Tests auch noch in den Sternen.
Abschließend zu diesem Punkt: Machen allein  mathematische Fachkenntnisse eine gute Mathelehrkraft aus? Was dann testen?
Mittel- und langfristig wirkungsvoller und gegenüber Studieninteressierten fairer wäre eine Ausweitung echter (Vor-)Studienberatungen und die Einführung einer echten Orientierungsphase (vgl. [11] S. 75) -- Vorschläge, die schon lange im Raum stehen.

Einige Argumente, die immer wieder in Diskussionen fallen, für uns aber nicht nachvollziehbar sind. Wir versuchen trotz mangelndem Verständnis kurz darauf einzugehen, bevor sie auch auf unserer Facebookwall und in unserem Mailingpostfach auftauchen:
“Nachgelagerte Studiengebühren fördern nicht die soziale Selektion.” [5]
Seit wann geht es denn nun um (nachgelagerte) Studiengebühren?

“Kommt mal ans Juridicum!”
Wie oben dargestellt ist uns bewusst, dass die Situation in vielen Studiengängen schlimm ist und es uns an der Mathematik sogar vergleichsweise gut geht. Wir haben zuvor bereits einige Worte dazu verloren.

“Ich bin auch ArbeiterInnenkind”
Der Wahlkampfleiter der Aktionsgemeinschaft ist laut eigener Aussage ArbeiterInnenkind [6]. Bei den Junos (ehemals Julis) finden sich gleich 7 AkademikerInnen in erster Generation am Tag nach der Demo im Büro [3], es können sich auch noch alle anderen der ca. 17,5 % melden; es ändert nichts daran, dass wir damit weltweit sehr weit hinten liegen (OECD-Schnitt ca. 38%) und Zugangsbeschränkungen diese Verhältnisse gewiss nicht verbessern werden. Mehr dazu findet ihr hier [8]. Wir möchten anmerken, dass man oft aufgrund unterschiedlicher Erhebungen andere Zahlen als die 17,5 % findet, jedes mal ist Österreich aber schlecht vertreten.

Wir lehnen daher den Standpunkt der Aktionsgemeinschaft und der Junos ab. Zudem sprechen wir uns klar gegen Zugangsbeschränkungen und für sozial verantwortungsvolle Lösungen wie die Einführung einer echten Orientierungsphase und die Ausweitung geförderter Studienberatungen aus. Der freie Hochschulzugang ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Neuzeit.
Euer Roter Vektor Mathematik



[3] https://twitter.com/derGasser/status/831530817042145283



[6] https://twitter.com/v_schwarz/status/831455647384399872

[7] http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/1550151/MedizinAufnahmetest_Millionen-fuer-private-Kurse




[11] https://www.oeh.ac.at/downloads/forum-hochschule

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